"Der Hund ist weg!"

Zum Glück zurück

Wenn der vierbeinige Begleiter wie vom Erdboden verschluckt ist und einfach nicht auftauchen will, ist Tierfang-Experte Heino Krannich ein Held für verlorene Hunde und verzweifelte Herrchen.

Hundefänger stellt man sich allgemein nicht so freundlich vor – das lernt man als Kind durch Filme wie „101 Dalmatiner“ oder als Erwachsener durch Reportagen aus bestimmten Ländern. Dass die Sicherung streunender Vierbeiner auch eine echte Herzensangelegenheit sein kann, beweist Heino Krannich. Wenn Hunde scheinbar spurlos verschwunden sind, rückt der Niedersachse mit geballtem Fachwissen und Equipment an, um den Ausreißern zurück nach Hause zu helfen. Mehr als 1.300 Tiere konnte Krannich bereits erfolgreich sichern und transportieren. Und rund um die Uhr erreichen ihn neue Hilferufe – eine Entwicklung, die der ursprünglich leitende Tierpfleger im Wildpark Lüneburger Heide nicht hatte kommen sehen. Heute weiß er: außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

„1998 hatte ich den Narkoseschein gemacht und war für den Landkreis Harburg/Winsen (Luhe) tätig. Es gab keine grundsätzliche Idee, sich auf das Sichern entlaufener Hunde zu spezialisieren, aber es erreichten mich immer mehr Anfragen“, erinnert sich Heino Krannich. „Vor zwanzig Jahren steckte die Tiervermittlung aus dem Ausland noch in den Kinderschuhen und wir wunderten uns, wo all die streunenden Hunde herkamen. Dass es sich meistens um Kandidaten aus dem Tierschutz handelte, die oft schon bei der Übergabe ausrückten, stellte sich erst später heraus.“ Nachdem der Experte für hündisches Fluchtverhalten die ersten Vierbeiner erfolgreich zurückgebracht hatte, baten ihn weitere Halter oder Vereine um Hilfe, sodass Krannich mit seinem Service den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Laut Statistik sind in Deutschland ca. 2.500 Hunde alleine unterwegs – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

„In den letzten Jahren hat sich die Hundehaltung in Deutschland verändert“, weiß der Fachmann. „Wurde früher ein Welpe beim Bauern nebenan oder von einem Züchter gekauft, stammen heute viele Hunde aus dem Auslandstierschutz oder von illegalen Vermehrern. Diese Tiere sind einfach anders. Oft haben sie auf der Straße gelebt oder waren in engen Ställen eingepfercht. Zieht so ein Hund ins Haus, ist das nicht selten eine Herausforderung: Es kann passieren, dass der Vierbeiner über einen 1,70 m hohen Zaun springt, die Leine durchbeißt oder beim Anlassen eines Autos panisch davonläuft … Zukünftige Halter sollten sich unbedingt vor der Anschaffung genau überlegen, welcher Hund in ihr Zuhause passt. Wenn man sich für ein Tier mit ungewisser Vergangenheit entscheidet, muss man sich dieser besonderen Verantwortung bewusst sein.“

„Natürlich kann es auch passieren, dass Hunde entlaufen, die schon seit dem Welpenalter im Haus leben. Meistens ist dann etwas Extremes vorgefallen, wie zum Beispiel der Tod der Bezugsperson, ein Angriff durch ein anderes Tier, die Verwicklung in einen Unfall oder ein Feuerwerk“, weiß Heino Krannich. „An jedem entlaufenen Vierbeiner hängt nicht nur ein tierisches Schicksal, sondern auch ein menschliches. Für viele ist es eine Katastrophe, wenn das geliebte Familienmitglied plötzlich fort ist. Oft resultieren daraus weitläufige Probleme im Alltag, zum Beispiel wenn man als Arbeitnehmer unkonzentriert und übernächtigt ist. Hinzu kommt die ständige Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Nicht nur dem vermissten Hund, sondern auch durch das Verursachen von Verkehrsunfällen. Der psychische Druck in so einer Situation ist nicht zu unterschätzen.“

Ruhe bewahren und gedanklich beim Hund sein – das gilt für den täglichen Umgang, als auch nach dem Entlaufen.

Wenn vom Vierbeiner plötzlich jede Spur fehlt, gilt es Ruhe und einen kühlen Kopf zu bewahren – auch wenn das gar nicht so leicht ist. Dem Hund laut hinterher zu rufen oder zu laufen, gehört laut Krannich zu den größten Fehlern. Die Tiere erkennen unsere Emotionen und fühlen sich durch aufgeregtes Verhalten in ihrer Panik bestärkt. Wird ein Hund in seinem gewohnten Revier vermisst, sollte man die bekannten Wege abschreiten und Futter vor der Haustür auslegen. Mit etwas Glück steht der Abenteurer bald wieder von alleine auf der Matte. In der Zwischenzeit macht es Sinn, die örtliche Polizei und Tierheime zu informieren. Auch ein Beitrag mit einem Foto des Ausreißers in sozialen Netzwerken kann zeitnah Hinweise liefern. Im Idealfall trägt der Hund ein Halsband bzw. Geschirr mit einer Marke samt der aktuellen Handynummer seines Halters.

Fast alle Hunde haben zu ihrer Identifikation außerdem einen Mikrochip unter der Haut. Mit der individuellen Transpondernummer kann man seinen Vierbeiner kostenlos bei den Tierregistern von TASSO e.V. (www.tasso.net) oder Findefix (www.findefix.com) anmelden. Organisationen wie der Arbeiter-Samariter-Bund, das Deutsche Rote Kreuz oder andere Mantrailer bieten die Dienste ihrer Suchhunde an. Sollte der Vierbeiner weiterhin verschwunden bleiben, sind Heino Krannich und sein Know-how die letzte Hoffnung. „Oft werde ich erst gerufen, wenn schon vieles versucht und auch falsch gemacht wurde. Dann müssen völlig neue Strategien angewandt werden“, weiß der weltweit gefragte Experte. Zunächst gibt der Tierfänger telefonisch erste Instruktionen – dann geht es an die Praxis.

Jede Sicherungsmethode birgt ein gewisses Risiko – so, wie jede Stunde oder jeder Tag auf der Straße.

„Es werden Futterstellen am Entlaufensort angelegt (mehr als 80 % der Hunde kehren dahin zurück) und mit Kameras ausgestattet oder mit Lehmsand bestückt, damit man anhand von Bildmaterial oder Pfotenabdrücken erkennen kann, wer dort gefressen hat. Verrät sich der Hund an einer Futterstelle, werden die anderen abgebaut bzw. nur noch mit wenig Nahrung bestückt. Sobald sich der Vierbeiner an eine Futterstelle bindet, kann die weitere Sicherung eingeleitet werden.“ Achtung: Wenn bekannt ist, wo sich der Hund aufhält, sollten hierzu keine Meldungen mehr veröffentlicht werden! Dadurch würde man das allgemeine Interesse auf den Hund lenken und fast immer vertreibt das die Tiere wieder von der Futterstelle. Wie der Ausreißer letztlich gesichert wird, entscheidet Heino Krannich zusammen mit dem Halter – das Mittel zum Zweck hängt von der Situation ab.

Eine Möglichkeit ist die Lebendfalle. „Wichtig ist, dass diese niemals direkt an der Futterstelle platziert wird“, warnt der Profi. „Einige Tiere sind sehr sensibel und reagieren auf Veränderungen mit Rückzug.“ Zu den weiteren Risiken können eine abgeschlagene Rute oder Fehlfänge mit Katzen sowie Wildtieren gehören. Im besten Fall ist der Hund auf diese Weise jedoch schon wenige Tage nach dem Entlaufen gesichert. Ein erfahrener und erfolgreicher Ablauf der Aktion ist von großer Bedeutung, denn jeder missglückte Fangversuch erhöht das Misstrauen des Vierbeiners und verlängert seine Zeit auf der Straße. Bei besonders scheuen Tieren, oder wenn Gefahr im Verzug ist (z. B. ein freilaufender Hund in der Nähe einer Autobahn), setzt Heino Krannich die Distanznarkose ein.

„Durch meine Erfahrungswerte und die oftmals gute Kooperation mit den behandelnden Tierärzten kann ein Hund so schonend wie möglich betäubt werden“, erklärt der Spezialist, der für diese Methode noch einen motivierten Mitarbeiter hat. „Wenn ein Narkosepfeil eingesetzt wird, hilft mein Bayerischer Gebirgsschweißhund Bruno bei der Nachsuche. Diese erfolgt über einen Geruchsträger des jeweiligen Tieres, oder dessen Adrenalinspur. Oft kommt man als Mensch ja gar nicht hinterher, wo ein Hund hinläuft. Also wird Bruno dort angesetzt und kann der frischen Spur des Vierbeiners folgen. Bei den Sicherungen mit der Lebendfalle ist Bruno ebenfalls anwesend. Da hat er zwar keinen wirklichen Job, jedoch wartet er mit mir zusammen und ist einfach ein toller Kumpel!“

Mit einem treuen Freund an der Seite und einem Ziel vor Augen lässt sich Heino Krannich nicht so schnell entmutigen. Es kann passieren, dass streunende Vierbeiner über Monate hunderte Kilometer zurücklegen. Den Rüden Adam zog es von Halle bis nach Harburg und Hündin Zoey machte sich auf den Weg von Leipzig nach Uelzen. Beide Protokolle gibt es zum Nachlesen auf Krannichs Homepage. Dort findet man außerdem Interessantes zum weiteren Engagement des Tierfreundes, der sein umfangreiches Wissen aus den Bereichen Tierfang, Tiernarkose und Tiertransport auch für den Artenschutz und die Versorgung von Wildtieren einsetzt. „Es nur gut zu meinen reicht nicht“, sagt der leidenschaftliche Retter. „Wenn man sich für ein Tier entscheidet, muss man dazu stehen – ohne Wenn und Aber.“

 

Text: Stefanie Ohl | Fotos: Heino Krannich

Weitere Infos: www.heino-krannich.de

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