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Mensch-Hund-Beziehung: Kurt Kotrschal über die die Bedeutung des Augenblicks von Mensch und Hund

 

Hund und Mensch – eine Seelenverwandtschaft

Biologe Kurt Kotrschal widmet der Hundeseele fast sein gesamtes Berufsleben. Als Professor an der Universität Wien erforscht er die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Uns erklärt der "Wissenschaftler des Jahres" die Bedeutung des Blickkontakts.

Liebende können Stunden damit verbringen, einander in die Augen zu schauen, es wird von ihnen als beglückend empfunden. Wir wissen, dass dieser subjektive Zustand der „Schmetterlinge im Bauch“ auf viel Instinkt und wenig Verstand beruht, auf einer Ausschüttung von Oxytocin, der damit verbundenen Hemmung der Stress- und dem Anwerfen der Belohnungssysteme sowie auf einer Hemmung des kritischen Denkens. Genau das passiert offenbar auch, wenn zusammengehörige Menschen und Hunde einander tief in die Augen blicken, und verstärkt, wenn die Hand den Hund streichelt. Und zwar nicht nur auf Seite der Menschen, sondern auch bei den Hunden.

 

Die Gruppe um Kerstin Uvnes Moberg von der Universität Lund in Schweden konnte im Blutplasma von ineinander versunkenen Mensch-Hunde-Paaren erhöhte Werte des Glücks- und Bindungshormons Oxytocin und verringerte Kortisolwerte messen. Dieses Ergebnis wurde durch eine japanische Studie bestätigt, wobei die traute Zweisamkeit hier nicht durch Blutabnahme gestört wurde, sondern die Hormone aus dem Speichel bestimmt wurden. Die gleiche Forschungsgruppe unternahm noch einen weiteren höchst spannenden Vergleichsversuch mit Wölfen und deren Handaufziehern. In den Mensch-Wolf-Paaren klappte das In-die-Augen-Schauen von Wolf Richtung Mensch nicht, und es tat sich in der Folge auch nichts bei den Hormonen. Wir wissen heute, dass es Hunden viel leichter fällt als menschensozialisierten Wölfen, den Augenkontakt zu suchen und zu halten. Besonders junge Wölfe scheinen den menschlichen Blick eher zu meiden, wohl auch, weil unter Wölfen sehr höflich und rücksichtsvoll miteinander umgegangen wird.Ein zu häufiger direkter Blick vor allem jüngerer Tiere in Richtung höherrangiger älterer könnte von diesen als Anstarren interpretiert werden, mit  entsprechend ungnädigen Folgen.

 

„Einander freundlich in die Augen zu schauen, sorgt für
Glücksgefühle bei Mensch und Hund.“

 

Dennoch zeigten sich menschensozialisierte Wölfe im Alter von weniger als neun Monaten Hunden darin überlegen, dem Blick eines bekannten Menschen um ein Hindernis herum zu folgen. Das könnte daran liegen, dass die Kommunikation unter Wölfen sehr stark auf Blicken und Blickrichtungen beruht, verstärkt durch eine lange Schnauze, die ähnlich wie unser Zeigefinger klar in eine bestimmte Richtung zeigen kann. Wölfe blicken einander beim Kommunizieren ständig kurz an, aber außer im Fall einer Drohung einander nicht lange in die Augen. Dagegen waren junge Hunde viel besser darin als Wölfe, Zeigegesten zu deuten, um ein Stück Futter zu finden; vielleicht, weil es ihnen im Gegensatz zu Wölfen nichts ausmacht, Menschen direkt und lange ins Gesicht zu sehen.

 

Kurt Kotrschal mit HundDennoch ist diese Fähigkeit, menschlichen Zeigegesten zu folgen, erstaunlich, ist doch der Mensch die einzige Tierart, bei der schon Kleinkinder ihre Hände und Finger benutzen, um mit anderen zu kommunizieren oder auf etwas hinzuweisen. Nicht einmal die uns genetisch so nahestehenden Schimpansen kommunizieren durch Zeigen – und Hunde schon gar nicht. Warum also verstehen schon junge Hunde diese typisch menschliche Art des Kommunizierens so gut? Manche Fachleute dachten, es handle sich um eine soziale Anpassung der Hunde an ein Zusammenleben mit uns: Hunde kämen bereits mit der Fähigkeit zur Welt, Zeigegesten deuten zu können, oder würden dies zumindest sehr rasch lernen. Untersuchungen bei uns am Wolfsforschungszentrum bestätigen das nicht.

 

Meine Kolleginnen Friederike Range und Zso a Virányi vom Messerli-Institut der Universität für Veterinärmedizin in Wien fanden heraus, dass Wölfe, die älter sind als neun Monate, die Fähigkeit ebenso ausgeprägt entwickeln können, wenn sie gleich aufgezogen und gehalten werden wie Hunde. Das Lesen menschlicher Zeigegesten scheint also keine spezifische Anpassung der Hunde zu sein, sondern vielmehr eine Generalisierung der vom Wolf stammenden Art zu kommunizieren, nämlich Blick- und Schnauzenrichtung des Artgenossen als Hinweis auf Interessantes in einiger Entfernung zu deuten. Auf dem Weg vom Wolf zum Hund erfolgte die Auslese also offenbar nicht direkt auf das Lesen menschlicher Zeigegesten, sondern lediglich auf ein wenig mehr und frühere soziale Aufmerksamkeit. Diese erhöhte soziale Aufmerksamkeit der Hunde im Vergleich zu Wölfen kann als kleine Ursache mit großen Wirkungen interpretiert werden, die etwa zur größeren Kooperationsfähigkeit von Hunden mit Menschen im Vergleich zu ihrer Stammform Wolf führt.

 

„Hunde können unsere Stimmung und emotionale
Verfasssung am Gesicht ablesen.“

 

Dies wird eindrucksvoll durch Versuche untermauert, in denen Hunde und Wölfe mit einer unlösbaren Aufgabe konfrontiert wurden, etwa an unerreichbares Futter heranzukommen. Während Wölfe zunächst lange versuchten, das Problem eigenständig zu lösen, blickten Hunde schon bald hilfesuchend auf ihre Menschen. Hunde sind offenbar auch empfänglicher als die Stammform Wolf, sich von unseren Aufforderungen motivieren zu lassen. Sie folgen beispielsweise besser den Blicken von Menschen, wenn diese sie nachdrücklich unterstützten: „Da, da, schau mal, was es da Interessantes gibt! ...“

 

Einander freundlich in die Augen zu schauen erhöht also nicht nur wechselseitig den Oxytocinspiegel bei Mensch und Hund, umgekehrt bewirkt Oxytocin auch eine verstärkte Bereitschaft und Toleranz, Blickkontakt zu halten. Hunde scheinen geringfügig besser darin zu sein als Wölfe, sich in diesem Feedback-Loop häuslich einzurichten.

 

Wenn uns ein Hund ins Gesicht blickt, ist natürlich nicht einfach zu entscheiden, worauf er fokussiert. Theoretisch könnten ihn statt der Augen auch Kinn, Mund und Nase interessieren. Dies kann neuerdings jedoch durch so genannte „Eye tracker“ exakt bestimmt werden, Geräte, die es erlauben, die Blickrichtung sehr genau zu verfolgen. Und die zeigten, dass Hunde vor allem den Augenkontakt suchen. Wenig überraschend konnten die untersuchten Tiere auch unsere Gestimmtheit und emotionale Verfasstheit ablesen. Mit einem freundlichen Gesicht hielten sie Blickkontakt, während ein wütendes Gesicht sie eher dazu brachte, den Blick abzuwenden.


Hunde benötigen den Blickkontakt des MenschenMit einem bedrohlich auf einen Hund an der Leine zugehenden Menschen halten Hunde meist Blickkontakt und reagieren zuweilen aggressiv. Wölfe wandten in solchen Situationen den Blick ab und reagierten niemals aggressiv. Emotionen anderer lesen zu können, gilt als wichtigste Komponente, um mitfühlend, also empathisch reagieren zu können. Menschen schaffen das ihren Hunden gegenüber, wenn sie wollen. Unklar ist, ob die Fähigkeit unserer Hunde, die Gestimmtheiten ihrer Menschen zu lesen, auch bedeutet, dass sie mit uns mitfühlen können.

 

Immerhin wurde bereits gezeigt, dass Menschen Hunde – wahrscheinlich unter Vermittlung der so genannten Spiegelneurone – emotional anstecken können. Hunde lesen von unseren Gesichtern nicht nur die momentane Gemütslage ab, sondern beobachten uns ständig und passen ihr Verhalten entsprechend an. So etwa können sie die Beziehungen ihrer Menschenpartner zu anderen Leuten beurteilen. In einem Versuch einer japanischen Forschungsgruppe sahen Hunde zunächst zu, wie ein im Raum anwesender Fremder ihrem Menschen entweder dabei half oder nicht half, einen Gegenstand zu erreichen. Anschließend boten die Fremden den Hunden ein Stück Futter an. Die Hunde zogen es klar vor, das Futter von denen anzunehmen, die geholfen hatten. In einem anderen Versuch ging eine fremde Person relativ neutral auf einen angeleinten Hund zu. Je nachdem, ob der Menschenpartner ihr reserviert oder freundlich begegnete, reagierte auch der Hund.

 

Hunde sind auch gut darin, die Zielgerichtetheit und das Ziel einer menschlichen Handlung zu erkennen. Darin wurden die Hunde nicht direkt mit Wölfen verglichen, dennoch lassen die Ergebnisse darauf schließen, dass Hunde wesentlich motivierter zur Welt kommen, sich für Menschen zu interessieren, mit ihnen aktiv zu werden und auch die Menschen aktiv zum Mitmachen aufzufordern.

 

TEXT Kurt Kotrschal FOTOS Ingo Pertramer, Robert Bayer

 

 

Kurt Kotrschal,

 

 

 

 

 

 

Gekürzte Leseprobe

aus Kurt Kotrschals Buch

"Hund & Mensch"

(Brandstätter Verlag)

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