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Zu Besuch bei Wölfen

 

Wölfe hautnah

Wolfsexpertin Tanja Askani im Interview

 

Tanja Askani betreut seit mehr als 20 Jahren die Wölfe im Wildpark Lüneburger Heide. Über den Unterschied zwischen Wölfen und Hunden sowie die Rückkehr der stolzen Raubtiere – und wie wir damit umgehen – berichtet die leidenschaftliche Autorin und Fotografin im Interview.

 

 

Wie sind Sie „auf den Wolf“ gekommen?

In den Wildpark kam ich ursprünglich als Falknerin. Den ersten direkten Wolfskontakt hatte ich 1992, damals betreute ich einen Polarwolfswelpen. Als ich Cheenok im Arm hielt, war es um mich geschehen. Daraus ist eine Liebe zu Wölfen auf Lebenszeit geworden! Ich erhielt Einblicke in die Arbeit von Experten wie Dr. Erik Zimen, Werner Freund oder Dr. Dirk Neumann. Letztlich aber waren meine eigentlichen Lehrer die Tiere selbst. Dabei kommt man nie an den Punkt, an dem man sagen könnte, jetzt weiß ich endgültig Bescheid. Der Prozess des Lernens mit und von Tieren hört nie auf …

 

 

Welche Eigenschaften faszinieren Sie an Wölfen?

Wildtiere begeistern mich seit Kindertagen. Es ist die Neugier, herauszufinden wie sie wirklich sind. Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich mit Wölfen. In meinem zweiten Buch „Wolfsspuren“ habe ich geschrieben: „Sie sind voller Kraft, jedoch immer elegant und geschmeidig, vorsichtig und bedächtig, aber zugleich kompromisslos und souverän. Gleichzeitig wirken sie friedlich und verspielt, liebevoll und manchmal verschmust, dabei aber unbändig und unzähmbar wild. Viele vermeintlich unvereinbare Eigenschaften stecken in einem Wolf.“ Das fasziniert mich immer wieder!

 

 

Wie unterscheiden sich Wölfe in ihrem Verhalten von unseren Hunden?

Der Hund sieht im Menschen einen Sozialpartner und ist bereit, sich lebenslang auf diesen einzulassen, sich unterzuordnen und gegen eine Belohnung das zu tun, was der Mensch von ihm verlangt. Das funktioniert bei einem Wolf nicht. Es hat nichts mit gut oder böse zu tun, sondern mit Arterhaltung, welche in der Natur von oberster Priorität ist. Aus dem Grund kommt es bei einem Wolf mit dem Erwachsenwerden zu einer Charakteränderung. Diese erleichtert es den unerfahrenen Jungtieren sich endgültig von der Familie zu lösen, abzuwandern, ein eigenes Jagdrevier zu suchen, einen Partner zu finden und für die Arterhaltung zu sorgen.

 

Leider ist es aktuell ein Trend, Wolfshunde, also Tiere mit mehr oder weniger Wolfsblutanteil zu halten. Ich beobachte diese Entwicklung skeptisch. Auf einer Seite verehren und bewundern wir den Wolf für seine Wildheit, Unzähmbarkeit und Unabhängigkeit. Auf der anderen Seite wünschen wir uns, ihn auf dem Sofa zu haben. Hunde in ihrer Rassenvielfalt und Wölfe in ihren Unterarten sind Ergebnisse jahrtausendealter getrennter Entwicklungen. Ich sehe keinen Sinn darin, dies durcheinander zu bringen.

 

 

Gab es einen Wolf, der Sie besonders geprägt hat?

Ein paar Jahre nach Cheenok kam die Polarwölfin Flocke in mein Leben. Sie war ein absoluter Notfall, ihre Mutter sowie ihre Geschwister sind kurz nach der Geburt gestorben. Ich liebe alle meine Tiere, aber Flocke nimmt einen besonderen Platz ein, weil sie mir eine großartige Lehrerin war, die mir wölfisches Grundlagenwissen vermittelt hat. Ich habe über sie in meinem Buch „Unsere Wölfin Flocke. Vom Abenteuer, ein Raubtier zu Hause aufzuziehen“ berichtet. Zum Glück sind die meisten meiner Pflegekinder ziemlich alt geworden. Knapp zwanzig Polarwölfe und Grauwölfe durfte ich bisher auf ihrem Lebensweg begleiten.

 

 

„Eine harmonische Mensch-Tier-Beziehung muss immer von Kenntnis, Respekt und Einfühlungsvermögen geprägt sein.“

 

 

Stellen Sie ihre aktuellen Wölfe vor:

Mein Ältester ist Grauwolf Rico. Ich freue mich, dass es ihm mit seinen 13,5 Jahren noch so gut geht. Die Jüngsten sind die europäischen Grauwölfe Vasja, Petja, Mischa und Kolja. Sie wurden Anfang Mai 2017 geboren und sind noch sehr verspielt. Aktuell werden die Kleinen von der eineinhalbjährigen Polarwölfin Nitika gehütet. Sie hat als Nanny alle Pfoten voll zu tun!

 

 

Was fressen Ihre Wölfe?

Das Fressverhalten ist beim Wolf von unterschiedlichen Faktoren abhängig, wie z. B. dem Alter oder der Jahreszeit. In der Literatur liest man von durchschnittlich 2-4 Kilogramm Nahrung pro Tag und Wolf. Diese Angaben finde ich leicht übertrieben. Natürlich sind Jungtiere im Wachstum wie ein „Fass ohne Boden“. In der Natur muss es schnell gehen und die Kleinen sollten mit einem halben Jahr soweit ausgewachsen sein, um mit dem Rudel ziehen und jagen zu können. Im Herbst kann ich beobachten, dass die Wölfe instinktiv besser fressen, um Fettreserven für den Winter zu bilden. Im Sommer – vor allem an heißen Tagen – fressen sie kaum etwas. Es ist keine Ausnahme, dass Wölfe bei besonders warmem Wetter mehrere Tage hintereinander Futter verweigern. Ein generell wichtiger Aspekt ist es, abwechslungsreich zu füttern. Vor allem Jungtiere brauchen neben reinem Muskelfleisch auch Sehnen, Knorpel, Knochen und Innereien. Nur so kann man Mangelerscheinungen vorbeugen. An Fleischsorten sind Hähnchen und Kaninchen besonders beliebt. Gelegentlich bekommen die Wölfe auch Saisonobst. Süße Äpfel oder Birnen fressen sie sehr gerne.

 

 

Kann man Sie im Wildpark Lüneburger Heide persönlich treffen und Ihre Wölfe kennenlernen?

Von März bis Oktober halte ich tägliche Vorträge am Wolfsgehege (Mo-Fr um 13:30 Uhr, Sa-So und an Feiertagen um 14:30 Uhr). Ich stelle vor Ort unsere Wölfe vor und spreche die aktuelle Situation der freilebenden Wölfe an. Gerne bin ich auch mit meinem Multimediavortrag unterwegs, um in Begleitung von Bild- und Filmmaterial über meine jahrelangen Erfahrungen mit den Wölfen zu berichten.

 

 

Wie ist Ihre Meinung dazu, dass Wölfe vermehrt in freier Wildbahn in Deutschland auftauchen?

Teilweise ist die Verunsicherung in der Bevölkerung groß. Das ist verständlich, denn wir haben verlernt mit Raubtieren zu leben. Es ist ein sehr emotionales Thema, inzwischen gibt es extreme Befürworter sowie extreme Gegner von freilebenden Wölfen. Beide Lager tragen zu einem unangemessenen Umgang mit dem Thema bei. Der Wolf ist zurückgekehrt und ist dabei weder böse noch gut – er ist ein intelligentes Raubtier, das lernen muss, sich von uns fern zu halten wie wir lernen müssen, unaufgeregt und sachlich mit seiner Nähe umzugehen.

Die Statistiken der letzten 20 Jahre sprechen für sich. Es gab in Deutschland seit der Rückkehr der Wölfe bis heute keinen einzigen Wolf-Mensch-Zwischenfall. Kein Mensch ist hier seit 1996 durch einen Wolf getötet worden. Für eine Begegnung mit freilebenden Wölfen gibt es keine standardisierte Verhaltensanleitung. Falls Sie ein Wolf bei einem Spaziergang überrascht oder wenn Sie ein neugieriges Jungtier treffen, empfehle ich sich selbstbewusst und bestimmt zu verhalten. Ein dominantes und energisches Auftreten können Wölfe gut entschlüsseln und verstehen. Also gerne deutlich sein und sich langsam entfernen.

 

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wölfe?

Generell wäre es schön, wenn wir es schaffen mit dem Wolf zu leben. Der Wolf hat seinen Platz im Ökosystem. Ich hoffe sehr, dass Wölfe den Schutzstatus behalten, den sie derzeit haben und dass sie lernen mit uns zu leben – und wir mit ihnen.

 

Wölfe in der Natur

 

 

Quo vadis, Wolf?

 

Nachdem er in Deutschland über 150 Jahre lang ausgerottet war, kehrt der Wolf seit Beginn des neuen Jahrtausends in seinen alten Lebensraum zurück. Wie können wir in Zukunft mit dem Wildtier auskommen, dessen domestizierter Nachfahre in unsere Herzen und Häuser eingezogen ist?

 

Wölfe in Deutschland

Im gesamten Bundesgebiet leben aktuell ca. 70 Wolfsrudel/-paare. Die meisten davon in Brandenburg, Sachsen und Niedersachsen. In Deutschland gibt es laut einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz fast überall geeignete Reviere, außer in Hamburg, Berlin und Bremen. Gebiete mit wenig Wild oder vielen Straßen sind für Wölfe ungeeignet, deshalb geht man davon aus, dass Deutschland nie flächendeckend von Wölfen besiedelt wird. Hierzulande benötigt eine Wolfsfamilie ein Territorium von rund 250 Quadratkilometern. Aktuell ist der Wolf in Deutschland durch das Bundesnaturschutzgesetz gehütet.

 

Wölfe & Menschen

Gesunde Wölfe, die nicht provoziert werden, stellen für Menschen normalerweise keine Gefahr dar. Seit dem Jahr 2000 – seit es wieder freilebende Wölfe in Deutschland gibt – wurde keine Situation dokumentiert, bei der sich wilde Wölfe aggressiv gegenüber Menschen verhalten haben. Falls Sie einen Wolf in freier Wildbahn bemerken, bleiben Sie ruhig und lassen Sie dem Tier ausreichend Raum, damit es sich zurückziehen kann. Wenn Sie sich bedrängt fühlen, machen Sie sich groß und äußern Sie sich lautstark. Laufen oder fahren Sie einem Wolf nicht hinterher und versuchen Sie niemals, ihn anzulocken.

 

 

www.tanja-askani.de

 

TEXT Stefanie Ohl // FOTOS Tanja Askani

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