Das Jagdverhalten von Hunden ist schwer zu kontrollieren. Wir zeigen Ihnen

Das Jagdverhalten unserer Hunde – und wie wir damit umgehen

Der oft gehörte Satz „Und plötzlich war er weg!“ stimmt so eigentlich nicht, denn bereits bevor ein Hund tatsächlich Wild hetzt, zeigt der Vierbeiner unterschiedliche jagdtypische Verhaltensweisen. Damit der Hund nicht im Alleingang durchstartet, ist es wichtig, sich die vorangehenden Signale zunutze zu machen. Wie das funktioniert, erklärt Florin Hirnschall mit ihrem neuen Trainingsansatz.

Durch Gehorsamkeitsübungen und extreme Auslastung, wie etwa lange Radtouren, wird oft versucht, den Hund vom Jagen abzuhalten. Denken wir doch noch einmal nach, wofür viele Hunderassen gezüchtet wurden: als Jagdhelfer. Es ist die genetische Veranlagung eines Hundes, Wildfährten zu verfolgen und Wildtiere zu hetzen. Er legt dazu auch weite Strecken zurück und trotz zunehmender Erschöpfung gibt es ein »Feuerwerk an Glücksbotenstoffen«, sobald er frische Wildfährten entdeckt oder Wild aufstöbert. Ähnlich wie bei frisch verliebten Jugendlichen handelt der Hund stark hormongesteuert. Glauben Sie, dass es möglich ist, einen, wie man so schön sagt, »verknallten« Jugendlichen von seiner neuen Flamme fernzuhalten? Es ist aussichtslos! Gegen die hormonbedingte, rosarote Brille hat Vernunft aber so gar keine Chance! Ganz im Gegenteil, umso mehr man versucht, den Kontakt zu unterbinden, desto größer wird der Widerstand und desto eher klettert der Jugendliche aus dem Fenster, um heimlich seine große Liebe zu treffen!

Interesse für etwas ist ja grundsätzlich nichts Schlechtes. Ab dem Zeitpunkt, sobald das damit einhergehende Verhalten andere einschränkt oder gar gefährdet, wird es problematisch. So ist es auch bei jagenden Hunden: Die Witterungsaufnahme ist noch kein Problem.
 Auch ein intensiveres Schnüffeln stellt im Normalfall noch kein unerwünschtes Verhalten dar. Problematisch aus menschlicher Sicht wird es ab dem Zeitpunkt, bei dem der Hund »die Ohren zuklappt«, also nicht mehr ansprechbar und somit für den Menschen unkontrollierbar wird und selbstständig losstartet. Auch ein sehr gut sitzender Rückruf funktioniert da meist nicht mehr, denn der Hund bekommt ihn einfach nicht mehr mit.

Damit der Hund nicht im Alleingang jagen geht, ist es also sehr wichtig, sich die vorangehenden Signale, die der Hund zeigt, bevor er losstartet, zunutze zu machen. Das bedeutet: Jeder Hund zeigt mehr oder weniger deutlich, je nach Rasse und auch Erfahrungen, wenn er eine Wildfährte gewittert oder Wild gesichtet hat und es gilt, genau dieses Verhalten herauszuarbeiten. Das Ziel ist also, dass der Hund immer deutlicher und immer länger zeigt, wenn er etwas Interessantes gefunden hat, damit wir Menschen Zeit gewinnen können.
Denn nur so haben wir eine Chance zu agieren, bevor der Hund losspringt! Ich nenne dieses Training »Jagd-Appetenz-Anker«, kurz »JAA-Konzept«. Das Ziel sieht folgendermaßen aus: Der Hund zeigt seinem Menschen an, wenn er eine interessante Wildfährte entdeckt hat und wartet so lange auf ihn, bis dieser ihn an die Leine nimmt, um dann mit ihm gemeinsam der Fährte ein Stück weit zu folgen. Die Suche wird dann so wieder abgebrochen, dass es für den Hund eine erfolgreiche Jagd war.

Die Jagdphasen des Hundes richtig erkennen und nutzen

Orten, fixieren, anpirschen, packen, töten und fressen sind grundsätzlich die einzelnen Sequenzen, aus denen die Jagd beim Hund besteht. Es ist aber durch Selektion und Zucht heute so, dass nicht jede Hunderasse jede Sequenz in gleicher Intensität zeigt, beziehungsweise zeigen bestimmte Hundetypen und -rassen manche Sequenzen sehr deutlich und andere dafür überhaupt nicht. Dies variiert je nach Verwendungszweck, sprich je nachdem, für welche Form der Jagd und welche Wildtierart man einen spezialisierten Jagdpartner auf vier Pfoten braucht oder gebraucht hat. Die vierbeinigen Jagdspezialisten lassen sich u. a. in folgende Gruppen einteilen:

  • Apportierhunde (z. B. Golden Retriever, Labrador Retriever): Apportierhunde werden vor allem für die Jagd auf Wasservögel und Niederwild gezüchtet. Dabei soll der Hund ruhig beim Jäger bleiben und erst, wenn ein Tier erlegt worden ist, dieses suchen und dem Jäger bringen. Bei diesen Hunden sind die Sequenzen Orten und Packen besonders wichtig sowie eine Freude fürs Bringen der Beute.
  • Laufhunde (z. B. Tiroler Bracke, Beagle): Laufhunde sind vor allem auf die Sequenzen Orten und Hetzen spezialisiert. So wurden und werden diese Hunde vor allem in großen Jagdgebieten eingesetzt, um das Wild aufzustöbern und dem Jäger mit Spurlaut entgegen zu treiben. Diese Hunde sind sehr ausdauernd und können einer Fährte über lange Distanzen hinweg folgen.
  • Stöberhunde (z. B. English Cocker Spaniel, Deutscher Wachtelhund): Diese Hunde suchen in der Nähe des Jägers nach Wild. Sobald sie Beute entdeckt haben, verharren sie liegend, bis der Jäger das Tier erschossen hat. Erst dann läuft der Hund zu dem Tier und apportiert es. Bei Stöberhunden sind die Sequenzen Orten, Fixieren, Packen und Apportieren besonders ausgeprägt.
  • Vorstehhunde (z. B. Magyar Vizsla, English Setter, Pointer): Vorstehhunde versuchen die Witterung von Tieren aufzunehmen, um diese dann dem Jäger durch Vorstehen anzuzeigen. Sobald das Wildtier flüchtet, erlegt es der Jäger und lässt es sich vom Hund apportieren. Die besonders bedeutenden Sequenzen sind also wie beim Stöberhund das Orten, Fixieren und Packen sowie das Apportieren.
  • Erdhunde (z. B. Dackel, Border Terrier, Deutsche Jagdterrier): Bauhunde müssen sehr eigenständig agieren, da sie im Bau auf sich alleine gestellt sind und dabei sehr überlegt vorgehen müssen, wenn sie im Bau dem Fuchs oder Dachs gegenüberstehen. Bei Erdhunden sind beinahe alle Sequenzen bedeutend, also das Orten, Hetzen, Packen und Töten.

Selbstverständlich jagen auch Vertreter vieler anderer Hunderassen, die nicht für die Jagd verwendet werden und haben unterschiedliche Ausprägungen bei den einzelnen Jagdsequenzen. Wer also einen Vertreter eines Hütehundes, Hirtenhundes oder etwa Wachhundes hat, kann sich nicht in Sicherheit wiegen, dass sein Hund kein Jagdinteresse zeigt.

Wichtigste Spielregel: Der Vierbeiner wartet auf seinen Menschen

Sie kennen das bestimmt: Sobald Sie mit Ihrem Hund spazieren gehen, hat er ständig die Nase am Boden oder richtet sie gegen den Wind aus, um ja keine interessante Spur zu verpassen. Wenn der Hund also aktiv auf der Suche nach Wild ist und er dieses in der Umgebung zu orten versucht, wird dies als ungerichtetes Appetenzverhalten bezeichnet. Doch wovon wird diese ständige Suche nach Wild angetrieben, auch wenn der Hund noch nie erfolgreich gejagt hat? Müsste er nicht irgendwann frustriert damit aufhören? Dies wäre für viele Hundehalter zu schön, um wahr zu sein. Funktioniert aber nicht, denn die Motivation des Hundes zum Jagen wird durch das sogenannte »Seeking System« immer wieder angetrieben, egal, wie viele Misserfolge er hat. Anders wäre es evolutionär gesehen auch fatal gewesen und es gäbe den Hund gar nicht! So wäre der Wolf verhungert, wenn er nach ein paar Misserfolgen die Jagd einfach frustriert eingestellt hätte.

Stößt der Hund auf eine interessante Fährte oder entdeckt etwas, das interessant sein könnte, beginnt er, das Gefundene zu identifizieren und zu lokalisieren (gerichtetes Appetenzverhalten). Nach der Identifizierung folgt der Hund der Fährte, bis er das Wild genau lokalisiert hat. Nun richtet sich der Hund nach dem Beutetier aus, wobei diese Orientierung nach der Beute als Taxis bezeichnet wird. Dann beginnt der Hund, sich dem Tier anzunähern. Diese Annährung, die je nach Situation, Windrichtung und Position des Beutetieres entweder durch Anschleichen oder gleich durch Hetzen erfolgt, ist ein instinktives Verhalten, also ein genetisch festgelegter, relativ starrer und automatischer Ablauf, der auch Erbkoordination genannt wird. Es ist also aus neurobiologischer Sicht sinnvoll, ein Training bei den ersten Sequenzen der Jagd anzusetzen, wenn der Hund noch im Bereich des Appetenzverhaltens agiert. Denn sobald sich das Verhalten des Hundes im Bereich der Erbkoordination befindet, also instinktiv erfolgt, ist der Hund kaum noch ansprechbar und kann das Verhalten auch nicht mehr wirklich abbrechen.

Aus diesen Faktoren und Überlegungen heraus, ergibt sich ein Trainingsansatz, der beim Appetenzverhalten des Hundes bei jagdlichen Aktivitäten ansetzt, also dort, wo dieser noch lernfähig ist. Ziel ist es, den Hund mit einem erwünschten und für den Menschen gut wahrnehmbaren Verhalten zu »verankern«, also zu verharren, bis der Mensch den Vierbeiner erreicht, anleint und mit dem Hund gemeinsam auf ein Startsignal hin der Spur folgt. Ähnlich wie ein Anker das Boot bei Wind und Wetter an derselben Stelle hält, soll der Hund, egal wie spannend der Fund ist, so lange verharren, bis der Mensch »die Anker lichtet«, also zum gemeinsamen Abenteuer aufbricht. Gefolgt wird der Spur so weit, bis der Hund ein Erfolgserlebnis verspürt, sich aber auch schnell wieder beruhigen lässt. Wichtig: Gestalten Sie das Abbruchsignal wie einen Aufruf zu neuen Abenteuern! Hieraus ergibt sich ein Trainingsansatz, der »Ja« zur Jagd unter den Spielregeln des Menschen sagt: das »Jagd-Appetenz-Anker-Training«.

Weiterlesen: Alles über das neue Trainingskonzept und wie es in der Praxis bei den einzelnen Hundetypen angewendet wird, erfahren Sie in Florin Hirnschalls neuem Buch „Jagender Hund? Jagdverhalten formen statt unterbinden“, veröffentlicht im Kynos Verlag.

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